Dienstag, Mai 09, 2006

Wie man sich am besten selbst verrät

Unlängst macht es im Web die Runde: Das Pentagon hat herausgefunden, die Islamisten wissen bescheid. Sie wissen, wie man das „Monopol der Massenkommunikation“ untergraben kann.

Soweit so gut. Dabei denkt man natürlich an Videos, die auf angeblichen Razzien von US Soldaten gefunden oder auf dem arabischen Nachrichtensender al Dschaira ausgestrahlt werden. Vor dem US-Repräsentantenhaus fand letzte Woche ein Themenabend zum Thema „strategische Kommunikation“ der Islamisten per Internet statt.

Wer jetzt hier an Anleitungen zum Bau der Bombe denkt, liegt wieder falsch. Es ging um nichts Geringeres als die gezielte Propaganda, die Anwerbung neuer junger Kräfte im Kampf gegen den Kreuzzug. (der Ungläubigen; Anm.d. Autors)

Dazu bedienen sie sich einer im Vergleich zu Ihrem Ziel nicht minder widerlichen Idee: pack die jungen Menschen da, wo sie am liebsten sind. Und junge Menschen sind ja, das weiß heute nun wirklich jeder, am liebsten vor ihrem Computer. Die für den Kampf am geeignetesten finden darüberhinaus ihre Bestimmung meist schon früh und widmen sich Spielen bei denen es ums Wesentliche geht: ums Ballern.

Gesucht, gefunden. So kommen also all die arabischen Kids aus Syrien, Afghanistan, Palästina, Neukölln und dem Libanon zu al-Quaida. Sie spielen an Computern, die mind. 500 $ Wert sein müssen, ein Spiel, wofür man eine Internetverbindung benötigt und gelangen so, praktisch von magischer Hand geleitet, in die ... von Osama Bin Laden.

Dass für diese Analyse lediglich ein Trupp hochbezahlter Experten aus dem Pentagon nötig war, die wiederrum in der Lage waren, die Abgeordneten mit ein paar Spielszenen aus dem Game Battlefield 2 zu überzeugen, erinnert an die Tage von Mr. Colin Powell, der noch einen ganzen Krieg mit einer Powerpoint Präse begründen konnte.

Dass alles Quatsch ist, muss man nicht lange erklären. Das Video stammt von einem amerikanischen Gamer der sich einfach mehr Vielfalt wünschte und nicht immer nur als US Soldat gegen mutmaßliche Terroristen in entsprechender Klischee-Klamotte kämpfen wollte. Er erstellte das Video, versah es mit der imperialmuskritischen Off-Stimme aus dem Film „Team America World Police“ - fertig. Erst kassierte er ein wenig Grunzen aus der Community, eine Weile später ist alles schon zur Nationalen Bedrohung erklärt.

Diese Form der „strategischen Kommunikation“ bzw. Propaganda wird von den USA dagegen in Wirklichkeit schon seit Jahren selbst ausgeführt. Als einziges Land der Welt hat die US Army ein gigantisches Marketing-Budget in die Entwicklung eines taktischen Ballergames investiert, indem man als virtueller US Soldat in ein globales Ranking im Internet einsteigt. Hat man sich ein wenig hochgeballert, flattert einem schon mal eine Anfrage ins Haus, ob man nicht Bock hätte zu Studieren – nachdem man das Geld vom Einsatz im Irak mit nacht Hause genommen hat. (sofern man noch lebt; Anm.d. Autors)

Dass die arabischen Widerstandsgruppen weder Zeit, Geld noch Knowhow für solche Entwicklungen haben mögen, kann man vielleicht noch bestreiten. Aber ob die Zielgruppe über das nötige Equipment verfügt – das ist dann doch eher unwahrscheinlich. Sicher gibt es Kids in arabischen Ländern mit genug Wohlstand, nur die sind in der Minderheit und diese gehören auch nicht zur üblichen Zielgruppe von Rekrutionen. Vielmehr werden wohl Kinder gefragt sein, die unter ihren Lebensumständen leiden und Hass aufgebaut haben, der dann in den Kampf abgeleitet werden kann.

Was also will uns der US Geheimdienst uns damit sagen? Gibt es nun doch moralische Gewissensbisse, spielende Kinder zum Kriegsdienst zu überreden oder will man nur sagen „Hilfe, wir sind inkompetent?!“

Bitte, lieber US-Geheimdienst: schreib mir eine eMail – ich will's wissen.

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